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Die Taube Johannes - Mehr als ein Friedensvogel
Christa
Griese hat eine kleine Taubenpflegestation in Witten. Im Laufe der Jahre
hat sie viele Tauben aufgenommen, gepflegt und gesund in die Freiheit
entlassen. Johannes wird aber nie wieder wie seine Artgenossen in freier
Natur leben können. Doch in der Geborgenheit der Pflegestation entwickelt
er ungeahnte Fähigkeiten. Christa Griese hat die Geschichte von Johannes
aufgeschrieben.
"Es ist fast ein Jahr her, da holte ich ihn aus einer Tierarztpraxis
ab und nannte ihn Johannes. Noch nie hatte ich ein so hübsches Täubchen
gesehen - und mir sind bisher in meiner kleinen Taubenpflegestation schon
viele Tauben unter die Augen gekommen.
Johannes wurde in der Dortmunder Innenstadt aufgegriffen, weil er sich
stundenlang überhaupt nicht vom Fleck gerührt hatte. Johannes
war blind. Seine Augen strahlten, so dass niemand bei seiner Betrachtung
auf die Idee gekommen wäre, der Täuberich sei blind. In der
Tierarztpraxis gab man mir neben Johannes noch eine zweite Taube mit,
eine junge Wildtaube, die erschöpft schien, aber schon alleine Futter
picken konnte. Sie hatte in der Dortmunder Einkaufspassage neben Johannes
gesessen.
Mit
den beiden Tauben im Auto gingen mir viele Gedanken durch den Kopf - ein
ungleiches Paar, diese beiden Vögel, der blinde Johannes und die
erschöpfte, müde Wildtaube. Zu Hause richtete ich meine Großvoliere
im Dachboden ein. Sie liegt mitten in meinem Arbeitszimmer, so dass ich
viel Zeit mit den beiden Vögeln verbringen konnte. Die Wildtaube
nannte ich Lisa, und es war abzusehen, dass sie nach ein paar Tagen bei
bester Verpflegung wieder in die Natur entlassen werden würde.
Johannes nahm ich mehrmals am Tag auf meinen Arm und streichelte ihn.
Sehr schnell wurde er zahm und zeigte ein sehr gütiges sanftes Wesen.
Wie immer, wenn bei Tieren wie auch bei Menschen ein Sinnesorgan ausfällt,
schärft sich ein anderes besonders. Und so bemerkte ich sehr schnell,
dass Johannes hören konnte wie ein Luchs! Er vermochte den Kopf zu
drehen wie eine Eule, und wenn ich die Treppe zu ihm hinaufstieg, dann
freute er sich und gurrte schon voller Erwartung, sobald ich den Fuß
auf die erste Stufe setzte.
Weizen,
Erbsen und Mais schüttete ich reichlich auf den Boden, so dass Johannes
das Futter unter seinen Füßchen spürte. Bei fein geschnittenem
Salat tanzte er ausgelassen hin und her, weil er sich so sehr auf sein
weiches Grünzeug freute, welches er unter seinen rosaroten Zehen
wahrnahm. Die Wildtaube Lisa versorgte ich zusätzlich mit Vitamingaben.
Als wildes Tier zeigte sie sich panisch und schlug mit den Flügeln,
wenn ich sie aus der Voliere nahm. In dieser Situation bemerkte ich zum
ersten Mal, dass mein blinder Johannes ganz besondere Fähigkeiten
hatte.
Er spürte und hörte, dass da ein anderes Tier Angst vor der
menschlichen Berührung hatte. Was tat er? Er gurrte und gurrte pausenlos,
mit tiefer und warmer Stimme, immer freundlich, als wollte er Lisa die
Furcht vor den Menschen nehmen. Und seine Therapie wurde ein Erfolg! Die
überängstliche Lisa beruhigte sich und nahm willig ihre Vitamine
ein.
Lisa flog bald gesund wieder in die Freiheit, und es folgten im Frühling
und im Sommer 2004 viele, viele gefiederte Patienten, die mein Johannes
beruhigte, und denen er die Angst vor meinen Berührungen nahm. Johannes
kümmerte sich um junge Tauben, er beruhigte kleine Rotkehlchen und
Amselkinder, sogar einen kleinen Buntspecht.
Dann
geschah es: Vor ein paar Tagen holte ich eine verletzte Taube von einem
Tierarzt. Beide Flügel waren gebrochen und bandagiert. Ich nannte
die kleine Taube Sarah und wusste, dass sie niemals wieder würde
fliegen können. Johannes kümmerte sich sehr um sie und als die
Bandagen abgenommen wurden, sah ich, dass er sanft mit seinem Schnabel
durch Sarahs Federn fuhr. Immer wieder gurrte er zärtlich vor sich
hin. Eines Morgens wurde ich schon ganz früh wach; oben im Dachbüro
tobte offensichtlich Johannes auf und ab. Er gurrte und gurrte, dabei
war es noch stockdunkel!
Zunächst dachte ich, dass einer meiner kleinen Igel, die mittlerweile
neben Johannes Voliere ihr Quartier bezogen hatten, ausgebüxt wäre.
Nein, es war etwas ganz anderes. Sarah saß in einem Heunest auf
zwei Eiern! Johannes stand stolz neben ihr, und als er meine Schritte
auf der Treppe hörte, schob er mit seinem Schnabel noch etwas Heu
an Sarah heran. Johannes wird Vater!
Auch das ist für den blinden Vogel kein Problem! Da sich die Tauben
beim Brüten ablösen, muss Johannes ganz, ganz umsichtig sein,
damit er die Eier nicht beschädigt. Und so beobachtete ich fast mit
Tränen in den Augen, dass Sarah ihn ganz vorsichtig an die Eier herandrückte
und ihm zu verstehen gab, wo er sich zu setzen hatte...
Was vermag eine blinde Taube zu leisten? Johannes hat uns gezeigt, dass
sein Leben noch lebenswert ist, auch wenn er nicht mehr durch die Wolken
fliegen kann."
© Christa Griese, 20.04.2005
Neues von Johannes:
"Jetzt im Sommer habe ich seinen grossen Käfig in der Voliere
draussen aufgestellt. Er freut sich sehr, wenn er die Geräusche der
anderen Tauben hört, sei es ein Flügelschlag der Fliegenden
oder ein Gurren derjenigen, die neugierig in seinen Käfig schauen.
Auch draussen darf sich nichts in "seiner kleinen Eigentumswohnung"
verändern, Wasser, Futter, alles muss genau an seinem Platz sein.
Nur die Käfigöffnung nach oben öffne ich stundenweise.
Und da fliegt Freundin Sarah natürlich gerne einmal raus und rein,
jedoch immer sehr bedacht, dass es ihrem Freund Jo auch weiterhin gut
geht.
Von Zeit zu Zeit bekommen meine Tauben in der Voliere ein zerkrümeltes
Brötchen oder eine Scheibe Weissbrot. Gestern konnte ich mit Riesenstaun-Augen
beobachten, wie andere Tauben Weissbrotstückchen in den Schnabel
nahmen und damit auf dem Käfig von Johannes landeten. Dann liessen
sie das Brotstückchen in den Käfig fallen, direkt auf den blinden
Vogel, der es dann unter seinen Füsschen spürte und dankbar
aufnahm..."

Text © Christa Griese, Am Spliethof 10, 58455 Witten, Telefon 02302-276
355
Fotos © R. Schenck
Anmerkung:
Beispielhaft geht auch die Stadt Witten seit 1999 den Weg der sanften
Reduzierungsmethode. Der Dank gilt Frau Lilo Elles, Gründerin des
Vereins "Initiative Stadttauben für Mensch und Tier e.V.",
die mit ihrer "Aktion Taubenturm" dort offene Ohren gefunden
hatte. Für ihr vorbildliches Engagement wurde sie im Oktober 2000
mit dem Tierschutz-Preis der Hans-Rönn-Stiftung "Menschen für
Tiere" ausgezeichnet.
Presseartikel unter www.oekonews.de/id/995/voggenreiter-aktion-taubenturm-beispiel-fuer-couragierten-tierschutz-auszeichnung-fuer-lilo-elles-nach-dem-vorbild-des-friedensnobelpreises/
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